Restaurantkritik

Ein kleines Fachwerkhaus im Niemandsland zwischen Bundeskanzleramt und Hauptbahnhof. Bei der Planung des Regierungsviertels scheint irgendjemand diesen Abschnitt der Straße Alt-Moabit und auch dieses einzige alte Haus weit und breit vergessen zu haben. Ein Glück für Inhaber Wolfram Ritschl und sein Restaurant. Das Paris-Moskau behauptet sich als symbolische Verbindung zwischen Ost und West und als kulinarisches Kleinod. Der Blickfang ist die imposante Gründerzeit-Bar im Erdgeschoss - davon abgesehen, beeindruckt weniger das Ambiente, sondern in erster Linie das Essen. Chefkoch Sven Holwitt und sein Team komponieren Frisches der Saison fantasievoll mit internationalen Zutaten. „Weniger ist mehr“ gilt für die Aufstellung der Tageskarte – und auch für die Portionierung der Gerichte. Hauptsache, das Auge ist genüsslich mit, zum Beispiel bei den geräucherten französischen Entenbrusttranchen, die mit einem gelierten Zitrus-Campari-Süppchen als Vorspeise serviert werden. Überzeugend ist auch die salzige Joghurtsuppe mit Radieschennudeln und grünem Spargel, die genügend Platz lässt für das arrosierte Heilbuttmedaillon mit Schinken-Flusskrebs-Roulade und sautierten Mirabellen: eine gelungene Kombination aus deftigen und zarten Geschmacksnoten, genau wie beim Loup de Mer mit gefülltem Mini-Tintenfisch und Kartoffel-Oliven-Risotto. DieKunst liegt im Detail, und Pürieren und Schäumen sind Lieblingsdisziplinen im Hause Paris-Moskau. Ein klare Handschrift hingegen kennzeichnet die Desserts. Die Panna cotta von Nougat an pikanten Zwetschgen mit Zartbittereis ist eine süße Wucht. Geschmackssicherer Pioniergeist und Kreativität machen sich auch beim Getränkeangebot bemerkbar. Die Weinkarte umfasst beachtliche 240 Positionen, es gibt spezielle Weinmenüs und ein reichhaltiges Digestif-Angebot. So entrückt vom Rest der Welt, wie das kleine Fachwerkhaus am Moabiter Werder gelegen ist, so zauberhaft und anregend ist auch die Küche des Restaurants. Professionalität und Klasse überzeugen über Zeit- und Landesgrenzen hinweg. Dieses Restaurant könnte überall bestehen - ob in Berlin, Paris oder Moskau. Melanie Scheider